Zur Sternenkarte

Erinnerungsprofil

History liegt entspannt und blickt mit ihren grünen Augen in die Kamera
Vertrauen wächst langsam und bleibt für immer.

Die sanfte Ritualistin

History

„Keine Katze war je so wunderbar unflexibel, so herrlich ritualisiert und stur und prinzipiell wie du.“

Abschiedsbrief

Danke für die vielen sanften Jahre, Mäuschen.

Wieder einmal stehen wir vor der Frage, wie es so weit und auch so plötzlich kommen konnte.

History schläft friedlich auf einer Decke

In einem Moment halten wir dich in den Armen und kuscheln, im nächsten Moment müssen wir die Entscheidung treffen, dich gehen zu lassen. Warum hast du nicht früher etwas gesagt? Warum kommst du noch eine Stunde vorher zu mir, legst dich auf meinen Bauch, als wäre alles wie immer, anstatt mir zu sagen, wie furchtbar es dir geht?

Warum kamst du nicht gestern oder den Tag davor oder eine Woche oder noch drei Wochen früher, um uns zu sagen, wie es um dich steht? Vielleicht hätten wir dir helfen können.

Stattdessen saßt du geduldig auf der Couch, wie jeden Tag, bis wir endlich Feierabend und allen Alltagskram erledigt und endlich Zeit für dich hatten. Wenn alle Einkäufe getan, alles Essen gegessen und der letzte Kaffee des Tages auf dem Tisch stand, leuchteten deine erwartungsvollen Augen.

Denn nun fehlte nur noch die weiche Decke, ehe die nächsten Stunden mit Kuscheln und Kraulen und Felldurchwuscheln und Köppibumms verbracht werden konnten. Mehr brauchtest du nicht.

Und dabei sah es zu Anfang gar nicht danach aus.

Als du mit Higgins zu uns gekommen bist, warst du so ungeheuer schüchtern und wusstest lange nicht, wo dein Platz in unserer Familie war, auch weil dein Bruder seine pubertären Allüren an dir ausgelassen hat.

Erst langsam konntest du dich an die neue Umgebung, an die neuen Geräusche und Gerüche gewöhnen. Die Türklingel war doof, fremde Leute waren doof, der Staubsauger war noch viel mehr doof und jede Veränderung in deinem Tagesablauf war kaum hinnehmbar.

Erst langsam konntest du Zutrauen fassen; irgendwann kamst du zu uns auf die Couch und ließest dich plötzlich kraulen und kämmen – natürlich nur, wenn ich mit dem Kopf in Richtung Fernseher lag, denn anders herum war es nicht richtig.

Und wenn etwas falsch war, kamst du nicht. So brauchten wir weitere sechs Monate, bis ich auch mal auf der anderen Seite liegen durfte. Bald schon durfte ich auf dem Rücken liegen und noch etwas später wolltest du gar nicht mehr von der Couch und mir herunterklettern.

Ja, nach vielen Jahren geduldiger Annäherung haben wir uns zusammengerauft und noch viele herrlich lahme, wunderbar eintönige und unaufregende Jahre geteilt mit Kuscheln und Kraulen und Felldurchwuscheln und Köppibumms.

Ach, Mäuschen, warum hast du nicht gesagt, wie schlecht es dir ging?

Dann hätten wir früher Hilfe suchen können. Dann hätten wir dir immerhin das Wochenende in der Notfallpraxis und auch weiteres Leid erspart. Oder hast du es uns gesagt, und wir waren nur zu dumm, es zu verstehen?

Aber eines haben wir verstanden: Als wir dich am Dienstag wiederhaben durften, klang die Ärztin zwar zuversichtlich, doch wir haben sofort bemerkt, wie sehr dir die Zeit in der Notfallpraxis den Spaß am Leben genommen hatte.

Kaum hatten wir dich wieder, wolltest du dich zurückziehen und kein Fressen mehr anrühren – durch deine Halbschwester und deinen Bruder wissen wir allzu gut, was das bedeutet.

Trotzdem saßen wir vor dir und wollten dir etwas Gesellschaft leisten. Und was hast du da getan? Du bist geraden Wegs ins Wohnzimmer gelaufen für ein paar letzte Momente zusammen auf der Couch.

Danke, mein Mäuschen.

Danke, dass du deine letzte Kraft hergegeben hast, um noch eine letzte Stunde mit mir abzuhängen, ehe wir den letzten Weg zum Tierarzt gefahren sind, um Gewissheit zu haben.

Es tut mir leid, mein Mäuschen, dass deine allererste Erkrankung auch die letzte sein musste. Ich wünschte, wir hätten uns früher zusammengefunden – du und ich –, um all die Zeit auf der Couch abzuhängen.

Danke für die vielen sanften, zurückhaltenden, aufdringlichen, zarten, vornehmen Jahre. Du warst eine Katze, wie sie die Natur vorgesehen hat.

Ich werde dich vermissen, denn keine Katze war je so wunderbar unflexibel, so herrlich ritualisiert und stur und prinzipiell wie du.

An einem grauen, verregneten Tag gingst du von uns.

Ob es hinter der Regenbogenbrücke ein Katzenparadies für dich gibt, ob du ein Stern wurdest, können wir nicht sagen.

Wir hoffen bloß, dass es dir nun wieder gut geht und du mit deinem Bruder Higgins und deiner Halbschwester Gil eine schöne Zeit hast.

Du fehlst uns, Mäuschen.