Abschiedsbrief
Danke für alles, Quietschbär.
Du wolltest nicht mehr weitergehen, und wir haben es verstanden.
Regen fiel quer aus allen Wolken, Blitze brachen aus dem schwarzen Himmel, Donner grollte, als wir dich gestern ein letztes Mal deinen Tierärztinnen vorstellten.
Du wolltest nichts mehr fressen, sagten wir – wir merkten sofort, was du uns sagen wolltest. Aber weil du dich doch immer wieder aufgerappelt und weitergekämpft hast, da dachten wir, es könnte dir noch einmal auf die Beine helfen.
Nein, du wolltest nichts mehr fressen. Du wolltest nicht mehr weitergehen, und wir haben es verstanden.
Den mussten wir haben.
Die Züchterin sagte damals, du warst der Erste des H-Wurfs, außerdem hätte sie noch keinen so schweren Babykater gehabt. Den mussten wir haben.
Und so kamst du vor über vierzehn Jahren mit deiner Schwester History zu uns.
Es dauerte nicht lang, da hast du eine Entscheidung getroffen. Wie alle Roten wolltest du dir deinen Lebenspartner aussuchen – so wurdest du der Kater meiner Frau.
Und wie es sich für einen anhänglichen Roten gehörte, bist du seitdem nie wieder von ihrer Seite gewichen. Es gab keinen Augenblick, da ihr nicht dicht an dicht auf der Couch saßt, Kopf an Kopf im Bett lagt.
Ja, auch ich durfte dich ausgiebig knuddeln, und auch wenn du es niemals gezeigt hast, wusste ich doch, dass ich nicht der Richtige war. Dein Herz gehörte meiner Frau.
Das mussten auch die Katzen des Hauses erfahren. Jeden Tag unternahm Misery einen Versuch, dir nahe zu sein. Gil hat dich geliebt, deine Schwester und die überdrehte Maja auch. Sie alle liebten dich, doch dein Herz war vergeben.
Du warst der zarteste Riesenkater der Welt.
Wer könnte einen so sanften Sieben-Kilo-Brocken nicht lieben? Du hast uns niemals die Kralle gezeigt, du hast niemals gefaucht, warst niemals mürrisch, warst stets der sanfte, liebenswerte, treue Teddybär.
Du hast niemals gerauft, bist lieber in die zweite Reihe getreten, anstatt dich mit den verfressenen Weibern am Fressnapf zu prügeln.
Du warst der zarteste Riesenkater der Welt.
Aber du warst auch ein entschlossener Kämpfer.
Als dich vor drei Jahren ein lebensbedrohlicher Infekt erwischte, begann dein Kampf. In Folge traf dich immer wieder dieser widerliche Schnupfen, der dich bis zuletzt nicht loslassen wollte.
Schleichend ereilte dich die Taubheit, schleichend entzündete sich dein Ohr und wollte seitdem nicht mehr besser werden.
Acht Zähne mussten dir gezogen werden, weil FORL hinterhältig ist – so wurde aus dem Sieben-Kilo-Brocken ein Vier-Komma-fünf-Kilo-Bröckchen.
Aber du hast alles Leid ertragen, solange du nur bei Frauchen sein konntest.
Du hast dein verdammtes, geliebtes Trockenfutter aufgegeben, hast dich stattdessen an das ewig verschmähte Nassfutter gesetzt, du hast die verstauchte Pfote ertragen.
Du hast die vielen, vielen, teils schmerzhaften Tierarztbesuche, Ultraschalls und Blutabnahmen mit einer ungeheuren Geduld ertragen, die noch keine Katze vor dir hatte.
Du hast all die Medikamente für uns genommen, du hast jede Futterumstellung hingenommen und hast uns nichts davon jemals nachgetragen. Denn du warst ein Kämpfer.
Da war keines mehr.
Wir hofften, mehr für dich tun zu können, hätten alles hergegeben, damit du länger bei uns bleiben kannst.
Wir hofften, du könntest mit uns ins neue Haus ziehen und noch einmal Gras an den Pfoten spüren.
Aber wir wissen auch, dass du jedes deiner Leben für uns hergegeben hast. Da war keines mehr, und so war es heute an uns, deinen letzten Wunsch zu respektieren.
Danke für alles, Quietschbär.
Danke für deine Liebe, für deinen Sanftmut. Danke für deine ersten zwölf Jahre und ein besonderer Dank für deine letzten drei, die du nur für uns auf dich genommen hast.
Und auch wenn du dir die Ruhe so sehr verdient hast, wissen wir nicht, wer sich beim Arbeiten jetzt neben die Tastatur auf den Schoß legen wird.
Wir wissen nicht, wer so vornehm die Pfötchen übereinanderlegt, wer nun mit uns auf der Couch abhängen wird, wer nun den Lichtpunkten nachjagt.
Wir wissen nur, dass du uns fehlst und niemals vergessen wirst.
An einem grauen, verregneten, gottverdammten Tag gingst du von uns.
Ob es hinter der Regenbogenbrücke ein Katzenparadies für dich gibt, ob du ein Stern wurdest, können wir nicht sagen.
Wir hoffen bloß, dass es dir nun wieder gut geht, Großer.