Zur Sternenkarte

Erinnerungsprofil

Gil sitzt aufmerksam auf dem Boden und blickt ruhig zur Seite
Die Leiseste von allen – und doch überall zu spüren.

Die Mama unserer kleinen Familie

Gil

„Du verbandest uns alle.“

Abschiedsbrief

Danke, dass wir dich über Umwege bei uns hatten.

Es war Liebe auf den ersten Blick, gleich als wir dich auf den Bildern des G-Wurfs sahen.

Gils Pfotenabdrücke im Schnee

Liebe auf den ersten Blick

Gil – eine durch und durch wuschelige, knopfäugige Katze mit charakteristischen Pinselohren. Sofort riefen wir die Züchterin an und fragten, ob sie dich hergeben würde.

Wir versprachen ihr, alles Nötige dafür zu tun, damit dein neues Zuhause lebenswert würde, und wollten dir noch einen Gefährten zur Seite stellen. Alles – aber sie wollte dich behalten.

So zogen deine kleinen Halbgeschwister History und Higgins bei uns ein. Wenig später kam Misery hinzu, dieser schwarze Wirbelwind, und alles ging seinen Gang.

Dann kam der Anruf

Eines Tages fragte die Züchterin, ob wir dich bei uns aufnehmen könnten. Sie musste die Zucht aufgeben, und weil wir dich damals so gerne zu uns geholt hätten, hoffte sie, wir fänden noch einen Platz für dich.

Nach drei Katzen noch eine vierte? Wie würde sich das Gruppengefüge ändern, nun, da die drei bereits sechs Jahre zusammenlebten? Brächte eine vierte Katze nicht mehr Ärger als Glück?

Freilich waren das nur Gedanken, die man sich durch den Kopf gehen ließ, weil es der Vernunft gefiel. Im Herzen wussten wir längst, was wir tun würden. Keine zwei Wochen später warst du bei uns.

Du hast alles verändert

Und tatsächlich hast du das Gruppengefüge verändert – alles hast du umgeworfen, in einer Weise, die wir nicht für möglich hielten. Umwerfend warst du.

Als du hier einzogst, schien es, als wärst du immer schon ein Teil der Familie. Bereits nach der ersten Stunde war aller Argwohn abgelegt. Du liefst jedem der drei nach, um zu sehen, was sie dir zeigen könnten.

Wer konnte denken, dass ausgerechnet du eine Gefährtin für die aufgedrehte Misery sein würdest? Wer wollte bei deinem sanften Anblick erahnen, dass du sie auf deine Weise zähmen, ihr eine Richtung vorgeben und Ruhe in ihr aufgewühltes Gemüt bringen könntest?

Wer konnte ahnen, dass deine Anwesenheit History Selbstvertrauen gab, sodass sie sich plötzlich in nie gesehener Offenheit und Zutraulichkeit zeigte?

Du duldetest keinen Streit. Eine Mama würde nicht zusehen, wie ihre Familie stritt. Ja, das warst du: eine Mama. Dein erster Gedanke galt den anderen, danach kamst du.

Wir wissen, du hast es versucht

Wir hofften, mehr für dich tun zu können, hätten alles hergegeben, damit du länger bei uns bleiben kannst. Aber Krebs ist ein Arschloch.

Nach der Operation warst du so lebendig wie lange nicht, und nur vier Wochen später rührtest du kein Wasser mehr an.

Wir wissen, du hast es versucht. Du hast für uns geschnurrt, selbst wenn es dir den letzten Atem raubte. Es tut uns leid, dass es zuletzt zu nicht mehr reichte, als dich zu erlösen.

Schon nach zwei Sekunden sank dein Köpfchen in meine Hände. Die Pupillen waren groß wie das ganze Auge; herausgeflossen das Katzenleben in einem Atem.

Verzeih uns. Aber sieh nur, wie der Himmel lacht. Sie erwarten dich, kleine Gil. Sie frohlocken, denn sie möchten nun auch einmal eine Mama haben.

Deren Freude ist unsere Trauer.

Wer wird jetzt all diese Dinge tun?

Wer wird morgens auf das Kissen springen und so laut schnurren, dass man es im ganzen Haus hört? Wer wird jetzt die Plüsch-Erdbeere herumwerfen? Wer wird uns auf der Treppe begrüßen?

Wer wird morgens am Teller stehen und Futter verlangen? Wer wird sämtliche Socken und Taschentücher fangen und unter lautem Rufen die Treppe heruntertragen, auf dass sich alle um die fette Beute versammeln?

Wer wird sich auf den Rücken werfen, alle Läufe von sich strecken, damit man ihren Bauch krault? Wer wird im Wohnzimmer stehen und Streicheleinheiten einfordern – nicht viele, nur ein paar Male zum Gruß, weil es sich für Katzen ziemt?

Wer wird sich auf den Tisch legen und im Homeoffice mit anpacken, wenn nicht du?

Danke, kleine Gil

Danke, dass wir dich über Umwege bei uns hatten – immerhin sechs Jahre waren es. Ganze sechs wunderbare Jahre, in denen kein Tag verging, da nicht wenigstens einer von uns sagte, wie unfassbar niedlich du wärst, wie wunderbar und welch Segen du für uns seist.

Du warst niemals nachtragend, kanntest kein Misstrauen oder Argwohn. Niemals hörte man dich fauchen, niemals fühlten wir deine Krallen.

Und niemals warst du selbstverständlich. Du warst immer eine Bereicherung für jeden von uns. Von den Vieren warst du die Leiseste und doch warst du überall zu spüren.

Du verbandest uns alle. Das wussten wir zwar, aber nun wird es Tag um Tag gewisser.

Wir könnten endlos weiterreden, denn so viel gäbe es über dich zu sagen. Aber am Ende zählte nur, dass du nicht leiden musstest.

An einem klirrend kalten, sonnig klaren Tag gingst du von uns. Ob es hinter der Regenbogenbrücke ein Katzenparadies für dich gibt, ob du ein Stern wurdest, wir können es nicht sagen.

Wir hoffen bloß, dass es dir nun wieder gut geht, kleine Maus.

Du warst unsere Mama.